Rede zum Thema eSport in der Bürgerschaft

In der Bürgerschaftssitzung am 1. Dezember haben wir uns mit einem Antrag der FDP-Fraktion zum Thema eSport – elektronischem Sport – beschäftigt. Im kommenden Jahr wollen wir uns dem Thema im Rahmen einer Expertenanhörung im Sportausschuss intensiver widmen.

Hier können Sie meine Rede sehen:

Nachstehend die Rede dazu (es gilt das gesprochene Wort):

Sehr geehrte Frau Präsidentin, liebe Kolleginnen und Kollegen,

zunächst einmal vielen Dank für die Anmeldung der Debatte zum Thema eSport. Ein Thema, das in seinen Dimensionen sicherlich vielen immer noch nicht bekannt ist und ein Thema, mit dem sich eine tiefergehende Auseinandersetzung lohnt.

Einige – durchaus beeindruckende – Zahlen und Fakten zum eSport und seiner weltweiten Verbreitung seien hier erwähnt:

  • bis zu 4 Mio. Menschen widmen sich bereits in Deutschland dem eSport; europaweit sind es rund 22 Millionen;
  • insgesamt wird eSport in über 60 Nationen von etablierten Verbänden des organisierten Sports anerkannt und teilweise auch vom Staat gefördert;
  • in einigen Ländern – wie bspw. Südkorea – ist eSport quasi Volkssport.

Die zentrale Frage – auch im Zusammenhang mit dem Thema Gemeinnützigkeit – ist aber letztlich die Frage danach, ob es sich bei eSport denn nun um einen Sport handelt oder nicht?

Und je länger man sich damit beschäftigt und je mehr Argumente man dafür oder dagegen hört, desto schwieriger wird es, da schnell zu einer abschließenden Meinung zu kommen.

Diese Kernfrage beschäftigt ja nicht nur den Deutschen Olympischen Sportbund, der über eine Anerkennung zu entscheiden hat. Auch das Berliner Abgeordnetenhaus und der Landtag in Nordrhein-Westfalen haben sich bspw. auf Anträge der Piraten damit befasst; es gibt unzählige Medienveröffentlichungen; es gibt Untersuchungen zum eSport an Sporthochschulen und Diskussionen in den Landessportbünden.

Es gibt sicherlich Anzeichen, die dafür sprechen, den eSport als Sport anzusehen. Viele Länder sind diesen Schritt bereits gegangen. Und auch in Deutschland wird sich an vielen Orten bereits in Vereinen und Teams organisiert.

Und vor allem erfordert das Spielen – insbesondere das professionelle Spielen – besondere Fertigkeiten. Der Sportwissenschaftler Prof. Froböse von der Kölner Sporthochschule führte dazu aus:
„Betrachtet man die rein physische Komponente, also die von außen sichtbaren Bewegungen, so ist eSport natürlich nicht vergleichbar mit anderen Sportarten wie Fußball. Betrachtet man jedoch die kognitiven und mentalen Anforderungen wie schnelle Reaktionen, Antizipation und Taktik, so werden einige Parallelen zum „richtigen“ Sport deutlich.“
Von daher sei es nach Auffassung Froböses legitim, auch beim eSport von Sport zu sprechen.

Aber es gibt zu der Frage, ob eSport wirklich ein Sport ist, auch eine Reihe kritischer Punkte und auf die geht der FDP-Antrag überhaupt nicht ein.

So wird zwar erwähnt, dass der DOSB eine Anerkennung verweigert, aber die Gründe nicht weiter aufgeführt. Denn entscheidend für eine Anerkennung beim DOSB ist, dass eine Reihe von Voraussetzungen erfüllt werden. Und beim DOSB kam man zu dem Ergebnis, dass

    • eine „eigene, sportartbestimmende motorische Aktivität“ nicht gegeben sei,
    • ebenso bestanden Zweifel hinsichtlich der Gewährleistung der „Einhaltung ethischer Werte“

und vor allem wurde angeführt,

  • dass ausgereifte Verbandsstrukturen bisher nicht vorhanden waren.

Sicherlich lässt sich zu den ersten beiden Punkten kontrovers diskutieren, dass nationale Verbandsstrukturen bislang gefehlt haben, ist allerdings nicht von der Hand zu weisen und man muss abwarten, wie sich die in diesem Jahr neu gegründeten Strukturen bewähren.

Und es gibt natürlich noch weitere Punkte, die Kritiker immer wieder vorbringen:

  • so die ausgeprägte Kommerzialisierung und der bislang wenig vorhandene Wille im eSport Gemeinnützigkeit anzustreben;
  • nicht nur der Wissenschaftliche Dienst des Berliner Abg-Hauses kam zu dem Ergebnis, dass eSport kein Sport sei;
  • auch der Direktor des Berliner Landessportbundes – Dr. Brandi – meint, dass eSports mit den Grundsätzen des Sports nicht vereinbar sei und er weist darauf hin, dass eine Anerkennung alleinige Aufgabe des organisierten Sports und nicht des Staates sei;
  • der große Anteil der sog. Ego-Shooter mit gewaltverherrlichenden Inhalten im eSport muss kritisch betrachtet werden
  • es wird kritisiert, dass eSport kein Element der Bewegungskultur sei und es beim eSport– im Gegensatz zu anderen Sportarten – völlig offen wäre, welche Bildungspotentiale vermittelt werden sollen;
  • die Themen Internetabhängigkeit + negative Folgen übermäßigen Computerspielens – insbesondere bei Jugendlichen – sollten in diesem Zusammenhang bedacht werden.
  • die Frage nach einem funktionierenden Anti-Doping-System ist zu stellen
  • und es bedürfen daneben auch lizenz- und steuerrechtliche Fragen der Klärung.

Man muss sich jetzt nicht jeden Kritikpunkt zu eigen machen und nicht jedes Pro-Argument teilen, aber man sollte sie alle kennen, diskutieren und vertiefen.

Wir sehen die Bedeutung und Entwicklungen im eSport-Bereich und finden auch eine Debatte darüber richtig, wie der eSport richtig eingeordnet werden sollte.

Zum jetzigen Zeitpunkt, bei den jetzt vorliegenden Gutachten und Bewertungen, den kaum vorhandenen Vereins- + Verbandsstrukturen ist aber in vielen Punkten noch nicht abzusehen, wohin die Reise geht.

Daher ist es aus unserer Sicht vernünftig, dieses Thema im Sportausschuss zu befassen und dort mit Experten im kommenden Jahr die bestehenden Fragestellungen und Auswirkungen in allen Bereichen zu diskutieren, die im Zusammenhang mit dem eSport von Bedeutung sind.

Vielen Dank.