Film „Nazijäger – Reise in die Finsternis“ – gewidmet den „Kindern vom Bullenhuser Damm“

In der Nacht vom 20. auf den 21. April 1945 ereignete sich in der Schule am Bullenhuser Damm der grausame Mord an 20 jüdischen Kindern, an denen zuvor von der SS Versuche im KZ Neuengamme vorgenommen worden waren. Neben den Kindern wurden auch noch die Pfleger und sowjetische Kriegsgefangene in dem Schulgebäude erhängt. Die Geschichte der Kinder vom Bullenhuser Damm begleitet auch mich selbst seit langer Zeit und schon als Kind war ich bei Gedenkveranstaltungen in der Schule in Rothenburgsort dabei. In Schnelsen-Burgwedel erinnern Straßen und Plätze an die Kinder, und jedes Jahr findet am Roman-Zeller-Platz eine Gedenkveranstaltung statt.

Über diese Verbrechen gibt es nun im öffentlich-rechtlichen Fernsehen das erschütternde Doku-Drama „Nazijäger – Reise in die Finsternis“, gewidmet den „Kindern vom Bullenhuser Damm“.

Es lief schon auf einigen Kanälen, aber ist noch bis zum 20. Juni 2022 in der Mediathek zu sehen: https://www.daserste.de/information/reportage-dokumentation/dokus/nazijaeger-reise-in-die-finsternis-100.html

Der Film spielt in der kurzen Phase, in der die Siegermächte nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs noch intensiv nach Naziverbrechern suchten, in dem Doku-Drama werden die historisch authentischen Personen von Schauspielern dargestellt.

Im Mittelpunkt steht die britische „War Crimes Investigation Unit“, in der auch einige jüdische Deutsche arbeiten wie Hanns Alexander. Er gehört zu den Befreiern des Konzentrationslagers Bergen-Belsen und ist aufgrund des dort gesehenen Grauens von Rache und Vergeltung getrieben. Ihm gegenüber steht Anton Walter Freud, Sigmund Freuds 1938 nach London entkommener Enkel, der auf geltendes Recht setzt, u. a. mit der starken Aussage „Wir dürfen nicht werden wie die.“

Die britischen Fahnder verzweifeln fast an ihrer Aufgabe: Auf jeden prominenten Mörder, den sie verhaften, kommen Hunderte seiner Helfer und Komplizen – aber so viele Verfahren will die britische Militärverwaltung nicht führen.

Und trotzdem konnte die „War Crimes Investigation Unit“ etliche Nazi-Verbrecher fassen und ihrer Strafe zuführen, so z. B.  Rudolf Höß, Kommandant von Auschwitz, der versuchte, als Landarbeiter verkleidet, sich jämmerlich wegzuschleichen – anhand seines Eherings wurde er überführt.

Er wurde dann ebenso zum Tode verurteilt und hingerichtet wie Bruno Tesch, Inhaber der Zyklon-B-Firma, Josef Kramer, Kommandant von Bergen-Belsen, Max Pauly, Kommandant von Neuengamme, Johann Frahm, stellvertretender Lagerführer im Bullenhuser Damm und auch SS-Arzt Alfred Trzebinski, der am Bullenhuser Damm in Hamburg die grauenvollen Tuberkulose-Experimente mit jüdischen Kindern betrieb und sie alle ermorden ließ.

Bewegend sind die Gespräche mit zwei Zeitzeuginnen aus Italien, den Schwestern Andrea und Tatiana Bucci. Sie waren als deportierte jüdische Kinder in Auschwitz, haben es überlebt, aber mussten zusehen, wie ihr kleiner Cousin Sergio abgeholt wurde. Er kam zum Bullenhuser Damm und niemals zurück – Trzebinski infizierte ihn als Experiment mit Tuberkulose-Bakterien und ließ ihn dann zusammen mit den anderen Kindern erhängen, weil die britische Armee schon auf dem Hamburger Stadtgebiet war.

Der Fortgang nach dem vom Film geschilderten Zeitraum ist bekannt: Durch den aufkommenden Kalten Krieg ließ der Fahndungsdrang in den Westsektoren erst einmal nach, die Bundesrepublik begann erst Ende der Fünfzigerjahre langsam, Täter vor Gericht zu stellen.

Umgekehrt verhielt es sich in Ostdeutschland: Das Interesse der anfangs rigorosen Strafjustiz ließ bald nach Gründung der DDR rapide nach, weil die NS-Verbrechen zum exklusiven Problem der Bundesrepublik erklärt wurden. Auch der vorgesetzte Arzt von Trzebinski am Bullenhuser Damm,  Kurt Heißmeyer, konnte sich gen Osten absetzen und dort längere Zeit ein unbehelligtes Leben führen.

Die bundesdeutsche Zeitschrift STERN aber konnte 1959 in einem Artikel auf ihn aufmerksam machen, aber es dauert noch vier Jahre, bis ihm in der DDR der Prozess gemacht wurde. Er wurde zu lebenslanger Haft verurteilt und starb 1967 in Bautzen an einem Herzinfarkt.

Erst in der Gegenwart, wie derzeit beim Prozess gegen eine 100-jährige Sekretärin, geht die Justiz von dem Prinzip aus: Wer ohne Zwang in einer Einrichtung tätig war, die eigens für den Mord und Terror geschaffen wurde, kann nicht behaupten, mit diesen Morden nichts zu tun gehabt zu haben: Er oder sie war beteiligt.

Hätte man dieses Prinzip in den ersten Jahrzehnten nach dem Krieg allein für das am Holocaust beteiligte Personal gelten lassen, hätte die Bundesrepublik hätte Zehntausende Verfahren mehr führen müssen – die nie geführt wurden.

Das Doku-Drama „Nazijäger – Reise in die Finsternis“: Ein wichtiger Beitrag zu unserer jüngsten Geschichte – sehenswert, aber auch erschütternd.