Niemals vergessen! Zum Geburtstag von Herbert Schemmel

Am 14. April 1914 wurde unser Opa, Herbert Schemmel, geboren. Über ihn ist schon viel geschrieben worden (einige Links s.u.) und auch ich darf bis heute in Schulklassen oder bei Gedenkveranstaltungen immer mal wieder über sein Leben, seine Zeit als KZ-Häftling und seinen Kampf gegen das Vergessen berichten.

Nicht nur heute an seinem Geburtstag muss ich häufig an ihn denken. Denn: In den letzten Wochen und Monaten habe ich sicherlich so viele BürgerInnengespräche geführt wie nie zuvor, unzählige Mails gelesen und beantwortet. Es gibt Zuspruch, viele Fragen, Wünsche nach härteren Maßnahmen oder schnelleren Lockerungen, Verständnis und Unverständnis hinsichtlich der ergriffenen Maßnahmen und auch nachvollziehbare Kritik am derzeitigen Erscheinungsbild der Politik. Nicht mehr hinnehmbar sind allerdings die zunehmenden Mails/ Anrufe/ Social Media Beiträge, die auch viele meiner Kolleginnen und Kollegen auf Bundes-/ Landes-/ kommunaler Ebene erreichen, in denen u.a. geäußert wird, man würde keine Kritik mehr äußern dürfen, jede/r Kritiker/in würde ja gleich als Corona-Leugner „gebrandmarkt“ (ich kenne niemanden, der das macht) oder gar, es würden kritische Stimmen „mundtot“ gemacht oder die Politik „gleichgeschaltet“. Um zu dokumentieren, was es wirklich heißt, „mundtot“ gemacht zu werden, hier noch einmal ein kleiner Blick auf die Lebensgeschichte unseres Opas.

Geboren am 14. April 1914 in Halle an der Saale, absolvierte er nach der Mittleren Reife eine Ausbildung bei der internationalen Speditionsfirma Schenker & Co., wo er anschließend auch angestellt wurde. Seine Weigerung, am 1. Mai 1933, an einem offiziellen Demonstrationszug anl. des von den Nazis ausgerufenen „Tag der nationalen Arbeit“ teilzunehmen, führte zu seiner sofortigen Entlassung. Nach längerer Arbeitslosigkeit fand er in Leipzig neue Arbeit. Durch seine berufsbedingten Auslandsreisen nach Großbritannien verstärkte sich seine ablehnende Haltung zum Nationalsozialismus, aus der er auch keinen Hehl macht. Eigene Betriebsangehörige, denen er zuvor behilflich war, denunzierten ihn und er wurde von der Leipziger Gestapo verhaftet. Vorgeworfen wurden ihm „staatsfeindliche Äußerungen, Zersetzung innerhalb des Betriebes, illegale Verbindungen zu englischen Industriekreisen sowie das Abhören und Verbreiten von Nachrichten ausländischer Rundfunksender“.

Er wurde von dem Sondergericht in Freiberg/Sachsen freigesprochen (!), dennoch nahm ihn die Gestapo sofort wieder in „Schutzhaft“ und schickte ihn am 21. März 1940 in das KZ Sachsenhausen. Hier kam er in die sogenannte „Isolierung“, weil seine Akte den Vermerk „Ständige Strafkompanie“ und den Stempel „R. U.“ – „Rückkehr unerwünscht“ – trug. Häftlinge in diesem abgesonderten Bereich wurden besonders brutal schikaniert, u.a. musste er das Pfahlhängen und zwei Erstickungsversuche über sich ergehen lassen. Der Mithäftling und Lagerälteste Harry Naujoks, der seinen immer schlechter werdenden Zustand sah, setzte ihn auf die Transportliste für das Lager Neuengamme. Am 30. Juni 1940 kam unser Opa, der zu dieser Zeit bei einer Köpergröße von 1,72 Meter nur noch ca. 39 Kilogramm wog, im KZ Neuengamme an. Ein halbes Jahr später erhielt er dort wegen seiner guten Buchführungs- und Fremdsprachenkenntnisse den Posten des Häftlings-Lagerschreibers. Seine Stellung, die er bis zur Auflösung des Lagers im April 1945 innehatte, bedeutete für ihn die Rettung, da er von nun an seine Arbeit in der Schreibstube verrichten konnte. Viele Mithäftlinge berichteten, dass er dieses Wissen nutzte, um seinen Mithäftlingen das Lagerleben zu erleichtern – soweit dies möglich war. Als einer der letzten Häftlinge verließ er das Lager im Mai 1945 und konnte am 3. Mai 1945 in Neumünster fliehen. Unser Opa war da 31 Jahre alt.

Er blieb in Hamburg, baute sich als Selbständiger mit unserer Oma eine neue Existenz auf. Neben der Berufstätigkeit setzte er sich dafür ein, dass die NS-Täter für ihre Taten bestraft wurden. Im ersten Curio-Haus-Prozess, der im Frühjahr 1946 gegen die Hauptverantwortlichen für die im KZ Neuengamme begangenen Verbrechen geführt wurde, war er ebenso Zeuge wie in mehreren Nachfolgeprozessen, die vor britischen Militärgerichten geführt wurden. Da er als Lagerschreiber genauere Kenntnisse über viele Funktionsabläufe im KZ hatte, war er später Zeuge in fast allen westdeutschen Ermittlungs- und Gerichtsverfahren, in denen es um Verbrechen im KZ Neuengamme ging.

1958 war er in Brüssel einer der Mitgründer der Amicale Internationale KZ Neuengamme und von 1974 bis 1997 Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Neuengamme. Die Bewahrung der Erinnerung an das KZ Neuengamme machte er zu seiner Lebensaufgabe, vor allem in unzähligen Gesprächen und Führungen mit Schülerinnen und Schülern.

Niemals vergessen – gerade auch in diesen Zeiten!

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