Was passiert im Niendorfer Gehege? Bericht vom Wald-Rundgang

Am 27. August fand unser jährlicher Gehege-Rundgang statt, bei dem wir u. a. über die Umsetzung vieler erfolgreicher Projekte und die Entwicklung unseres Bezirkswaldes sprechen konnten.

Gestartet wurde an der Niendorfer Kirche, die gerade 250-jähriges Jubiläum feiern konnte. Die evangelisch-lutherische Kirche  ist nach dem Michel das bedeutendstes Barockbauwerk der Stadt. Für den Bau der Kirche verpflichtete man den Architekten Heinrich Schmidt, der das neue Gebäude nach den Vorbildern der Rellinger Kirche und der Kirche in Brande-Hörnerkirchen entwarf. Die achteckige Kirche war bereits 1770 so weit fertiggestellt, dass sie geweiht werden konnte. Über dem Hauptportal und über der Kanzel erinnern kleine goldene Monogramme des dänischen Königs.

Direkt an der Kirche beginnt der Alte Niendorfer Friedhof. Auf dem rund fünf Hektar großen Gelände finden sich neben einem alten Baumbestand viele Familiengruften und kunstvolle Grabmale aus den vergangenen Jahrhunderten. Auch ein Mausoleum in den Formen der Neorenaissance ist hier vorhanden. Seine Erweiterung ist der deutlich größere Neue Niendorfer Friedhof (1903), der heute durch zwei große Straßen vom Kirchengelände getrennt ist. Der Alte Niendorfer Friedhof gehört zu den historisch bedeutendsten Friedhöfen in Hamburg. Was ihn einzigartig macht, ist die hohe Anzahl von großen Familiengruften.

Nächster Halt war der Aussichtspunkt bei der Hundeauslaufwiese. Der Sohn des Parkgründers, John Gossler, Chef des Bankhauses Joh. Berenberg Gossler & Co, errichtete hier 1881/82 eine zweite prächtige Villa mit über 40 Zimmern im Nordteil des Parks. Sie diente als Sommersitz der Privatbank-Dynastie Berenberg-Gossler.

Dieter von Sprecht, der Urenkel von John Gossler, verbrachte als Kind dort seine Sommer. Dann kam das Jahr 1933 und von Specht beschrieb das so: „Im Frühjahr 1933 kam eine Delegation von Nazis. Die sahen das Haus, liefen drin herum und sagten zu meinem Großvater, sie würden es gerne mieten.“ Sie wollten dort ein Parteischulungsheim unterbringen. Doch das sei Freiherr Cornelius von Berenberg-Gossler überhaupt nicht recht gewesen. Noch einmal von Specht: „Er ist in sein Büro gefahren, hat zwei Abbruchunternehmer kommen lassen und hat ihnen gesagt: ‚Ich brauche ein absolut wasserdichtes Zertifikat, dass das Haus abbruchreif und nicht bewohnbar ist.'“ An zweiter Stelle habe die Schnelligkeit des Abrisses gestanden, erst an dritter Stelle der Preis. Das Haus sei innerhalb von zwölf Tagen beseitigt worden. „Einige Wochen später irrten die Nazis hier wieder durch den Park und suchten das Haus. Mein Großvater eröffnete ihnen: ‚Ja, wissen Sie, das Haus war absolut abbruchreif und nicht mehr bewohnbar. Das Risiko, Ihre Leute in so einem Haus unterzubringen, das konnte ich ja gar nicht übernehmen. Das Haus musste abgerissen werden.'“

Weiter ging es über die Hundeauslaufflächen zur Straße Lokstedter Holt. Vor zehn Jahren waren hier noch ein gewerblicher Betriebshof, Baracken und ein altes Heizungshaus zu finden. Unser Ziel war es, waldfremde Nutzungen aus dem Gehege zu entfernen, Entsiegelungen und Renaturierung vornehmen zu lassen und Kompensationen für die bisherigen NutzerInnen zu finden. Dort, wo die Gebäude zu finden waren, erobert sich die Natur mittlerweile den Raum zurück. Für Waldjugend und NTSV-Laienspieler wurden neue Räumlichkeiten gefunden.

Erfreulich bei unserem Rundgang: Das Wegenetz im Niendorfer Gehege wurde in den letzten Jahren saniert. Rund 16 Kilometer Waldwegestrecke, die viele Nutzerinnen und Nutzer erfreuen. Für die Wegesanierung werden insgesamt rund 250.000 Euro eingesetzt, davon rund 135.000 aus dem Erhaltungsmanagement der Finanzbehörde.

Natürlich wurde auch über den aktuellen Stand hinsichtlich der Mutzenbecher-Villa berichtet. Der Verein „Werte erleben“ hatte 2016 mit der Stadt einen Vertrag geschlossen und nach umfangreicher denkmalgerechter Sanierung, konnte an dem Tag die offizielle Eröffnung gefeiert werden. Das Haus wird künftig als Bildungs- und Begegnungsort genutzt. Einziehen soll in die Villa unter anderem die Initiative „Learn­life“ mit einem Lernzentrum, dessen Angebot auch von den umliegenden Schulen genutzt werden kann.

Das Damwildgehege wurde jüngst erweitert und von Mitarbeitern des Forsthofes zur Stabilisierung des Außenzaunes 400 neue Robinienholzpfähle eingesetzt. Die schöne Aussichtsplattform am Rande des Damwildgeheges konnten wir mit 9.000 Euro aus Troncmitteln der Bürgerschaft fördern.

Sehr gefreut habe ich mich, dass Susanne Egbers und Hans-Joachim Jürs vom Verein Pro Niendorfer Gehege mit auf dem Rundgang dabei waren. Der Verein feiert in diesem Jahr sein 10-jähriges Jubiläum, gibt dem Gehege eine Stimme, unterstützt den Förster und schiebt neue Initiativen an.